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Auf dem Weg zur ersten Million

[…] Auch die Krankenschwesterpartys waren ein voller Erfolg. Die Bedienungen trugen Schwesternhäubchen und Netzstrümpfe mit Strapsen, Gläser wurden mit Riesenspritzen befüllt, und als Höhepunkt brach jemand vom Personal auf der Tanzfläche theatralisch zusammen. In Doktorkittel und mit Notfallkoffer kam Ratze angerannt und operierte den Patienten, indem er ihm erst den Bauch (ein umgebundenes Kissen) aufschnitt, dann die Gedärme (schlauchartige Luftballons) entfernte und danach den Bauch mit der Heftmaschine wieder zutackerte. Die Zuschauer jubelten und beklatschten frenetisch den gelungenen Ausgang der Operation.

djÄhnlich beliebt waren die blauweißen Oktoberfest- und blutroten Halloween-Partys. Überhaupt wurde jeder sich bietende Anlass genutzt, um ein weiteres Motto zu kreieren, und insgesamt wurden in der Kaeß-Ära weit über tausend Partys veranstaltet. Flyer, Musik, Animation, Dekoration und Kostüme des Personals entsprachen dem jeweiligen Motto, auch die von Lieferanten gesponsorten Give-Aways wurden gezielt ausgesucht. Von A bis Z musste alles stimmen und zusammenpassen. Auch privat veranstaltete Partys, wie Abitur- und Geburtstagsfeiern, wurden minutiös geplant und organisiert. Einzelne Bereiche der Disko konnten gebucht werden, der Löwenkäfig zum Beispiel oder die Bremer Stadtmusikanten, und selbstverständlich wurde die Feier öffentlich zelebriert. Die Lichter gingen aus, eine Bedienung trug die Geburtstagstorte mit brennenden Wunderkerzen durch die Menge und überreichte sie dem Jubilar. Der DJ gratulierte über Lautsprecher, schmiss Konfetti in die Luft, ließ Luftballons steigen, legte Happy Birthday von Stefie Wonder auf und beamte das LP-Cover an die Videowand. Das gesamte Diskopublikum intonierte mit erhobenen Gläsern den Refrain, und zu guter Letzt wurde die Gaudi per Sofortbildkamera festgehalten und mit Datum und Unterschrift des Chefs versehen. »Der Gast ist König!«, so lautete die Devise im Zungenkuss und war ungeschriebenes Gesetz.

Heidi Kaeß trug wesentlich dazu bei, diesem Gesetz Rechnung zu tragen. Sie wusste, wie man Gästen auf einfache, aber nachhaltige Weise den Bauch pinselt: Man muss ihnen zeigen, dass man sie wahrnimmt und wertschätzt. Dazu gehörte ein in Diskotheken normalerweise nicht übliches Ritual: Sie begrüßte jeden Gast persönlich, Stammgäste auch mit Handschlag und Namen. Wer besonders gute Umsätze machte, wurde mit einem Geschenk belohnt. Feuerzeug, Taschenrechner, Stofftier, Kaffeetasse, Kugelschreiber – der Fundus an Werbegeschenken von Lieferanten war schier unerschöpflich und kostete nichts. Eine Flasche Whisky oder Schampus zwischendurch war allerdings auch drin. Bei treuen und umsatzkräftigen Gästen ließ Heidi sich nicht lumpen.

Fortsetzung im Buch

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