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Der kleine Weiler

15. Februar 1821. Mit handschriftlicher Urkunde des königlichen Landsgerichts wurde Johann Georg Kaeß »die gebethene Auswanderungs-Erlaubniß nach Isigatweiler in dem fürstlich Hohenzollern-Sigmaringischen Obervogteiamte Achberg zum Behuf seiner dortigen Ansäßigmachung und Verehlichung ertheilt«.

Und so vermählte sich kurze Zeit später der Sohn des Bauern Gallus Kaeß mit der Bauerstochter Josefa Hepperle und heiratete mit einem Vermögen von 2.000 Gulden samt einer Aussteuer in den »4-rößigen Schupflehenhof« ein. Der Begriff »4-rößig« bezog sich auf die Größe eines Gehöftes, das so weitläufig war, dass vier Rösser nötig waren, um es bewirtschaften zu können. Der Schupflehenhof hatte also eine stattliche Größe. Im Gegensatz zu einem Erblehenhof, der von einer Generation auf die nächste überging, wurde ein Schupflehenhof vom Lehnherrn immer wieder neu vergeben; die Lehnleute mussten sich also stets aufs Neue bewähren. Mit der Familie Kaeß wurde dieses Verfahren bis 1840 gehandhabt, dann wurde der Besitz den Lehnleuten übertragen.

isigatweilerIn der Geschichtschronik wird Isigatweiler erstmals im 15. Jahrhundert erwähnt – als Teil der Gemeinde Achberg. Die Streusiedlung bezieht ihren Namen von Schloss Achberg, liegt im Argental an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern und setzt sich aus zwei Pfarrdörfern, verschiedenen Ortsteilen und einer Handvoll Weiler zusammen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand das Kaeß’sche Gehöft aus nur einem Anwesen. Um die darauffolgende Jahrhundertwende wurde der um ein weiteres Wohngebäude angewachsene Hof zwischen zwei Brüdern aufgeteilt. So entstand der
Untere Kaeß, direkt neben der Straße, und der Obere Kaeß, wenige Meter höher und nordwestlich gelegen.

Fünf Generationen später. Dreikönigstag im Jahr 1944.

Normalerweise liegt Isigatweiler Anfang Januar unter einer geschlossenen Schneedecke, doch in jenem Jahr war von der weißen Pracht nichts zu sehen. Die Temperaturen bewegten sich weit über dem Gefrierpunkt, am Himmel zogen Regenwolken entlang, gejagt von gewaltigen Sturmböen. Die hochschwangere Viktoria Kaeß verrichtete im Oberen Kaeß mit ihrem Mann morgens noch die Stallarbeit: Kühe melken, striegeln und mit Heu versorgen, Schweine füttern, Ställe ausmisten.

Gegen Mittag setzten die ersten Wehen ein. Am frühen Abend schickte der Bauer den Knecht mit der Pferdekutsche ins Nachbardorf, um die Hebamme zu holen, die nach ihrer Ankunft geschäftig zwischen Schlafzimmer, Badezimmer und Küche hin und her eilte und routiniert alles für die Geburt vorbereitete. Die Umgebung war ihr vertraut; als Viktorias erstes Kind geboren wurde, ein Mädchen, war sie auch schon zur Stelle gewesen. Wenige Minuten nach Mitternacht war es soweit, und so kam am Dienstag, den 7. Januar, Erwin Kaeß jr. auf die Welt. Während der gesunde Junge schreiend die ersten Atemzüge machte, prasselte draußen der Regen, und ein stürmischer Wind rüttelte an den Fensterläden.

Der Zweite Weltkrieg war noch in vollem Gang, und nur eine Woche nach der Geburt seines Sohnes zog Erwin Kaeß sr. gemeinsam mit seinen Brüdern und anderen Bauern an die Ostfront.

Fortsetzung im Buch

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