kuhweide

Es war einmal

[…] Des einen Leid, des anderen Freud. Als die Bäuerin daheim berichtete, was der Arzt gesagt hatte, steckte Erwin in einem Dilemma. Einerseits bedauerte er seine Mutter, andererseits war ihm klar: Das ist die Chance. Die einmalige Chance, sich vom Bauerndasein zu verabschieden. Das, was er in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hatte, war zum Greifen nah. Er hätte jubeln können, hielt sich aber zurück, schließlich hockte seine Mutter wie ein Häufchen Elend am Tisch. Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen und ihr gut zugesprochen, aber Zärtlichkeiten waren auf einem Bauernhof verpönt.

Der eindringliche Rat des Arztes, den Viktoria Kaeß im Gegensatz zu ihrem Sohn nicht als Wink des Schicksals, sondern als Hiobsbotschaft empfand, stellte sich bald als Segen heraus. Und zwar für alle, die in irgendeiner Form damit zu tun hatten.

Tante Fanny und Onkel Otto waren mittlerweile verheiratet, hatten zwei kleine Kinder, einen Bauernhof mit Gaststätte in Doberatsweiler gepachtet und steckten bis über beide Ohren in Arbeit. Tagsüber Landwirtschaft, abends Gastwirtschaft, Erziehung von zwei Kindern. Alles in allem ein schwer zu bewältigendes Pensum. Das Angebot, den Oberen Kaeß zu pachten, kam deshalb wie gerufen, die beiden nahmen es sofort an, zumal zwischen den Familien nach wie vor große Harmonie herrschte. Im Erdgeschoss wurde ein Bad und im ersten Stock eine Küche eingebaut, und so wohnten die beiden Familien unabhängig voneinander in separaten Stockwerken.

Viktoria Kaeß hätte sich von den Pachteinnahmen und der Kriegerwitwenrente ein angenehmes Leben machen können. Für die Frau, die ihren Lebtag nur gearbeitet hatte, war Faulenzen aber keine verlockende Aussicht, und so suchte sie sich eine Beschäftigung. Die fand sie als Küchenhilfe in einem nahegelegenen Dorfgasthof.

Erwin schließlich stand vor der Frage, was er werden wollte. Handwerker oder Kaufmann? Am liebsten hätte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht, was angesichts seiner Vorliebe für Arithmetik und Algebra nicht verwunderlich war. Im Nachbarort hatte die Raiffeisenbank zwar eine Filiale, bildete dort aber keine Lehrlinge aus. Der dafür infrage kommende Hauptsitz lag im dreizehn Kilometer entfernten Lindau, und das war Erwin für die tägliche Hin- und Rückfahrt mit dem Moped zu weit. Also eine Handwerkerlehre.

Fortsetzung im Buch