sommerapfel

Ganz normale Tage

Dieses Kapitel besteht aus vier Teilen: Frühling, Sommer, Herbst Winter

Auszug aus “Frühling”:
[…] Die Buben raschelten durchs Buchenlaub und stapften über herabgefallene Zweige und Äste, die bei jedem Tritt knackten. Auf flachen Steinen nahmen Eidechsen ihr Sonnenbad, Blindschleichen schlängelten über bemooste Baumstümpfe, hoch oben in den Bäumen waren Spechte auf der Suche nach Insekten und Larven und hämmerten Löcher in die Rinde, Eichhörnchen spurteten die Buchen und Fichten rauf und sprangen in den Baumkronen herum. Besonders interessant fand Erwin die Ameisenhügel am Waldrand. Er beobachtete die Insekten, wie sie hin und her wuselten und Blattteile, Käfer und kleine Raupen heranschleppten. Obwohl Onkel Otto es bei den sonntäglichen Spaziergängen strikt verboten hatte, nahm Erwin gern einen Stock und bohrte damit in den Ameisenbauten herum. Er hatte Spaß daran, zu beobachten, wie die Tierchen sich umgehend daran machten, die zerstörten Bereiche zu reparieren. Dass einige sich für die Attacke revanchierten, indem sie seine Beine hoch krabbelten, ihn bissen und mit Ameisensäure bespritzten, nahm er in Kauf. Außerdem hatte er ein Gegenmittel: mit der Hand zerdrückte Blätter vom Spitzwegerich, ein altes und wirksames Hausmittel gegen Ameisenbisse und Mückenstiche.

Nach dem kleinen Waldausflug ging es nach Hause. Als er mit seinem Vetter unter einer mächtigen Eiche hervortrat, sah er Onkel Otto. Den Oberkörper vorgebeugt stand er in einer Wiese und zog die Sense durchs hohe Gras. Er machte das wie ein Uhrwerk. Rhythmisch und gleichmäßig, immer wieder die gleiche Bewegung, an den Seiten seiner Stiefel fielen die Grasbüschel zu Boden. Weiter hinten war Tante Fanny dabei, das geschnittene Gras zu Reihen zusammenzurechen.

Auszug aus “Sommer”:
[…] Onkel Otto schaute aufmerksam nach Westen. »Nutzt nix«, sagte er, zog den Strohhut vom Kopf, sprang vom Wagen und wischte sich mit seinem Sacktuch den Schweiß aus Gesicht und Genick. »Wir müssen heim, und zwar schleunigst.«
Er drehte sich um und blickte aufs Feld, an dessen Ende die restlichen Garben darauf warteten, aufgeladen zu werden. »Die lassen wir stehen«, sagte er, nahm seiner Schwägerin die Zügel aus der Hand, und mit schwankendem Wagen setzte das Gespann sich in Bewegung. Ein paar der Erntehelfer liefen mit geschulterten Gabeln hinterher, andere rannten voraus, denn mittlerweile fing es heftig an zu blasen. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, Blitze zuckten, Donner grollte, und Otto trieb die Pferde an.

Als Blitz und Donner innerhalb weniger Sekunden aufeinander folgten, erreichten Gespann und Menschen den Hof. Kaum waren die Pferde in den Stall geführt und der Wagen mit dem Getreide in die Scheune geschoben, fielen die ersten dicken Tropfen und klatschten auf die Pflastersteine. Dann fielen sie immer dichter und schneller. Ein heller Blitz, dem ein harter Donnerschlag folgte, sprengte die tief hängende, dunkelgraue Wolkenmasse, die sich mit lautem Geprassel auf das Anwesen und seine Umgebung entlud. Ein heftiger Wind fegte über die Dächer des kleinen Weilers und rüttelte an Fensterläden und Ziegeln. Er jagte durch den Garten, peitschte Gladiolen und Stockrosen und knickte Sonnenblumen um. Sturmböen fuhren in die Baumkronen, rissen an Zweigen und Blättern und schlugen Obst runter. Gras- und Getreidehalme bogen sich unter dem starkem Regen und legten sich auf die Erde nieder. Es blitzte und donnerte in einem fort, Onkel Otto stand am Fenster und schaute besorgt nach draußen, wo mit jedem grellen Lichtschein ein ohrenbetäubender Kracher einherging und der sintflutartige Regen sich mit Hagelkörnern mischte. Um Gottes Schutz zu erbitten, zog Tante Fanny einen Zweig aus dem vom Pfarrer geweihten Palmboschen (kleines Gebinde aus Palmkätzchen) und verbrannte ihn im Küchenherd. Die Bäuerin betete einen Rosenkranz. Putzi hatte sich unter der Ofenbank versteckt und jaulte. Erwin hielt sich die Ohren zu.

Auszug aus “Herbst”:
[…] Die Schweine waren versorgt, die Kühe gemolken, der Stall ausgemistet, das Stroh erneuert, das Melkgeschirr gereinigt. Nach getaner Stallarbeit dämmerte es, während des Frühstücks färbte die aufgehende Sonne den Horizont goldrot. Silbrige Spinnweben des Altweibersommers mit wie Glasperlen aufgefädelten Tautropfen glitzerten zwischen den Zweigen in den Sträuchern, und der Duft von reifem Obst lag über der Streuobstwiese. Unter den Apfelbäumen waren Körbe und Kisten verteilt, Viktoria Kaeß und ihre Schwester hielten lange Holzstangen in den Händen. An einem Ende der Stangen waren Metallkronen befestigt, an denen Stoffsäckchen baumelten. Die Apfelernte begann. Fielen die ersten Früchte nicht vom Wind geschüttelt, sondern von allein ins Gras, war das ein Zeichen dafür, dass sie reif waren. Als letzter Test wurde ein Apfel durchgeschnitten, die Farbe der Kerne diente als endgültiger Hinweis: waren sie dunkelbraun, wurde geerntet. Die Frauen schoben ihre Pflückstangen zwischen die Äste und zogen einen Apfel nach dem anderen von den Zweigen. Mit einem um die Taille gebundenen Korb stieg Erwin über eine Leiter in die Baumkrone und pflückte von Hand.

Fortsetzung im Buch