eheringe

Heidi

Erwin traute seinen Augen kaum. Heinrich hatte zwar beiläufig erwähnt, dass Hildes Freundin ganz hübsch sei, mit so einem Anblick hatte er aber nicht gerechnet. Im Zimmer stand keine hübsche, sondern eine sehr attraktive Frau. Modischer Kurzhaarschnitt, dezent geschminktes Gesicht, grüne Augen, schmale Wangen, knielanges Kleid, wohlgeformte Beine. Sie lächelte verhalten, als sie ihm die Hand zur Begrüßung reichte. Sie wusste zwar, dass Heinrichs Freund da sein würde, hatte aber keine Ahnung, was für ein Typ das war. »Sieht nicht schlecht aus«, hatte Hilde lediglich gesagt, und da Heidi nicht unbedingt zu den Menschen zählte, die stets mit dem Positiven rechnen, war sie bei Erwins Anblick überrascht.

Der war vom Sofa hochgeschossen und stand nun vor ihr. Gott sei Dank ist er größer als ich, dachte sie, die mit kleinen Männern nichts anfangen konnte. Beziehungsmäßig zumindest nicht. Was Kollegen oder platonische Freundschaften betraf, war ihr das egal. Aber ein Mann, mit dem sie »ging«, musste unbedingt größer sein. Und mit seinen 185 Zentimetern überragte Erwin sie um einen halben Kopf. Was ihr auch auffiel, waren seine abstehenden Ohren. Doch sie war eine pragmatische Frau, und ihr nächster Gedanke war der, dass man die ja notfalls operieren lassen könnte. Was ihr weniger gefiel und nicht operieren konnte, war sein Nachname, der an Milchprodukte erinnerte. Schade, dachte sie, einen, der Kaeß heißt, kann ich nicht heiraten. Trotzdem musste sie im Laufe des Nachmittags zugeben, dass ihr Heinrichs Freund gefiel, und zwar ausgesprochen gut. Sein Aussehen spielte dabei keine große Rolle. Was Heidi an diesem Mann mochte, war seine Ausstrahlung. Sie war beeindruckt von seiner Selbstsicherheit, seiner »großen Klappe«, seinem Humor und seiner Schlagfertigkeit. Kurz und gut: Heinrichs Verkupplungsabsicht hatte Aussichten auf Erfolg.

Die Vier unterhielten sich angeregt bis zum Abend. Tranken Kaffee, aßen von Hilde selbst gebackenen Obstkuchen mit viel Schlagsahne und leerten zum Schluss noch ein Fläschchen Weißwein und verzehrten Toast Hawaii. Dabei wurde viel gelacht, und die Stimmung hätte nicht besser sein können. Grund genug für eine Verabredung am nächsten Wochenende. Dann aber kein Kaffeeklatsch, sondern der Besuch einer Tanzveranstaltung.

Fortsetzung im Buch