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Leidenschaft für Pferdestärken

[…] An die erste Fahrt erinnert sich Erwin Kaeß, als sei sie gestern gewesen, denn sie war alles andere als ein Vergnügen. Er saß tiefer als in den Vorgängerfahrzeugen, hockte gefühlsmäßig fast auf dem Asphalt, und er war die enorme Motorleistung im Rücken nicht gewohnt. Auf gerader Strecke stellte das kein Problem dar, aber sobald die Straße sich durch die Landschaft schlängelte, hatte er ständig Angst, aus der Kurve zu fliegen und auf einer Wiese oder an einem Baum zu landen. Dann hatte der Wagen weder Bremskraftverstärker noch Servolenkung, Bremsen und Lenken waren also schwerste Handarbeit. Als er endlich an seinem Ziel, einer Baustelle in Singen, ankam, war er schweißgebadet und mit den Nerven ziemlich am Ende. Insgesamt dauerte es fast einen Monat, bis er sein »Fitness-Auto« in den Griff bekam und ihm vor Kurven nicht mehr graute.

Der roten Carrera fuhr er zehn Jahre, dann verkaufte er ihn mit 220.000 Kilometern für 20.000 Mark. Unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet eines seiner preiswertesten Autos, bei dem seine Frau damals sagte: »Wie kann man nur so einen Haufen Geld für ein Auto blechen. Dazu noch für einen Hobel, der nicht g’scheit heizt und bockelhart ist. Wenn man über Bahngleise und Schlaglöcher fährt, muss man sich den Arsch halten.«

»Dieses Auto war wirklich nichts für Schwächlinge«, sagt Erwin Kaeß heute und lacht. Mittlerweile dreht er das Lenkrad seines Sportwagens mit dem kleinen Finger, und das Fahren über Bahngleise und Schlaglöcher stellt für gewisse Körperteile kein Problem mehr dar. Aber nicht nur das ist der Grund für seine Markentreue, ihn begeistert das Porsche-Feeling: das Design, der Sound, das Fahrwerk, die Ausstattung, die Sitzposition – das Gesamtkunstwerk auf vier Rädern, das nie Gefahr läuft, mit einer anderen Marke verwechselt zu werden.

Dem roten Carrera folgte ein wimbledon-grüner Targa mit Glasschiebedach, dann ein 911 Turbo und 2011 schließlich das erste Porsche Cabrio. Und Cabrio fährt er heute noch. Allerdings nur in den Sommermonaten, im Winter steht das gute Stück in der Tiefgarage. Zu schade für Eis und Schnee und glatte Straßen.

Fortsetzung im Buch