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Meisterjahre

[…] »Sie sollten ein bisschen kürzer treten«, meinte der Arzt, den Erwin aufgrund einer Kreislaufschwäche aufsuchte.

Er trat nicht kürzer. Wie denn auch?

Als im August die Meisterprüfung in Ulm anstand, brauchte er eine Vertretung und suchte die in der Firma seines ehemaligen Arbeitgebers. Dort arbeitete sein Freund Schlemmer, und Erwin wollte Greisinger fragen, ob der seinen Freund für ein paar Tage freistellen könnte.

»Der Schlemmer ist krank«, lautete die Antwort. Mist!, dachte Erwin und fuhr nach Isigatweiler, denn dort wohnte Schlemmer – als Untermieter bei Erwins Mutter.

»Bis Montag bin ich krankgeschrieben, sagte Schlemmer, »dann geh ich wieder arbeiten.«

»Nix da«, sagte Erwin, »du gehst nicht arbeiten, sondern zum Arzt, lässt deine Krankschreibung verlängern und stehst am Montag bei mir in Langenargen auf der Matte.«

Schlemmer stand am Montag tatsächlich auf der Matte des Elektrogeschäfts, und Erwin widmete sich drei Tage lang dem letzten Teil seiner Meisterausbildung, der schriftlichen Prüfung im Bereich Elektrotechnik. Das Meisterstück, ein großer Schaltschrank zur Produktion von Gummiteilen für Waschmaschinen und Autos in einer Metzeler-Fabrik, war von einem Innungsmeister der Kreishandwerkerschaft bereits abgenommen.

Dann endlich war es soweit: Ende August kramte Erwin Kaeß Nagel und Hammer aus dem Werkzeugkasten und hängte in seinem Elektrogeschäft den Meisterbrief an die Wand. In einem schlichten Wechselrahmen.

ladenDer frischgebackene Meister war von früh bis spät unterwegs, fuhr von Baustelle zu Baustelle und machte das, was er in den Zeiten als Lehrling schon gemacht hatte: er installierte Elektroanlagen in Wohnhäusern und Bauernhöfen. Den Geruch von Kuh- und Schweineställen schien er nicht loszuwerden. Doch das war ihm jetzt egal, Hauptsache, er hatte Aufträge. An den Wochenenden renovierte er die »alte Hütte«, ließ im Keller einen Öltank einbauen und tauschte als erstes die uralten Holzöfen gegen Ölöfen aus. Dann installierte er Elektroboiler in Küche und Badezimmer. Die meisten Arbeiten führte er allein durch, nur manchmal gingen ihm Kumpels zur Hand. Für Telefondienst und Verkauf stand die Frau des Verpächters zur Verfügung. Das war Teil der Abmachung, solange, bis Heidi das übernehmen würde.

Im Frühjahr 1970 zog die kleine Familie Kaeß um. Von Tettnang nach Langenargen, in die über dem Elektrogeschäft gelegene Wohnung. Heidi war nicht glücklich über die Ortsveränderung, denn Zentralheizung gewohnt, musste sie sich jetzt mit Einzel-Ölöfen begnügen. Und auch sonst wies das in die Jahre gekommene Haus typische Alterserscheinungen auf. Abgetretene, knarrende Holzdielen, bei denen man Barfußgehen aufpassen musste, sich keine Spreißel in die Füße zu ziehen, mürber Putz an den Wänden, undichte Fenster … Doch das war der Preis fürs Geschäft, das gut lief und mittlerweile auch Angestellte mit Arbeit versorgte. Zwei Gesellen und einen Lehrling.

Fortsetzung im Buch

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