Paper in the box!

[…] Die Arbeiten schritten zügig voran, als nach drei Wochen der Auftraggeber, Hans Liebherr persönlich, im Hotel stand. Er wollte den Stand der Dinge in Augenschein nehmen und außerdem festlegen, wo die Steckdosen, Schalter und Dimmer in der Präsidentensuite montiert wurden. Das war Chefsache. Bei dieser Gelegenheit machte er noch eine Mitteilung: »Ich habe beschlossen, The Europe auch umzubauen. 187 Zimmer. Ostern muss alles fertig sein!«

Erwin Kaeß verschlug es fast die Sprache. Ein »Wie soll das gehen?« kam nicht in Frage, das war ihm klar. Er überlegte und sagte: »Dafür brauche ich aber mehr Leute.«

Liebherr antwortete kurz und knapp: »Dann müssen Sie sich halt welche besorgen.«
Du hast gut reden, dachte Erwin. Wo soll ich hier denn auf die Schnelle Elektriker herkriegen? Er überlegte erneut und machte sich auf den Weg zum Geschäftsführer des Hotels, der fließend Deutsch sprach.

»Sie müssen mit mir übers Land fahren und Elektriker suchen«, sagte er. Dann nahmen die beiden sich das Telefonbuch vor, durchforsteten es nach Elektrogeschäften in der Region und notierten die Adressen. Am nächsten Morgen setzten sie sich ins Auto, fuhren durch die malerische Grafschaft Kerry, die Erwin Kaeß zum ersten Mal seit seiner Ankunft zu Gesicht bekam, klapperten ein Elektrogeschäft nach dem anderen ab und fragten nach Aushilfskräften für die Zeit von zwei Monaten.

Sie hatten Glück, am Abend waren die notwendigen zehn Leute rekrutiert, die wenige Tage später im The Europe Stellung bezogen. So weit, so gut. Erwin Kaeß hatte seine Handwerker, damit allerdings auch sein erstes Problem, denn diese Männer waren Iren und sprachen kein Deutsch. Erwin Kaeß wiederum sprach kein Englisch. »Sie sollen in Irland keine Reden halten …« hatte Abler gesagt. In der Tat! Es kam einzig und allein darauf an, verständliche Anweisungen zu geben, und ein Mann für alle Fälle wie Erwin Kaeß hatte vorgesorgt. In seinem Gepäck befand sich neben einem Reiseführer auch ein Wörterbuch »Deutsch-Englisch, Englisch-Deutsch«. Das holte er nun raus, zog Schreibblock und Stift aus seiner Aktenmappe und machte sich an die Arbeit. Er schlug jeden relevanten Begriff nach und legte eine zweispaltige Liste an. In die linke Spalte schrieb er die deutschen Begriffe und in die rechte die englischen. Damit war das Kommunikationsproblem gelöst, und sein meist gesprochener Satz in den kommenden Wochen lautete: »Paper in the box!« Dabei deutete er auf die später unter Putz liegenden Gerätedosen für Schalter, Dimmer und Steckdosen. Die mussten mit Papier zugestopft werden, damit sie bei den Verputzarbeiten nicht versehentlich mit Gips gefüllt wurden.

Fortsetzung im Buch