suedfruechte

Wanderjahre

[…] Lehmann schulterte seine Werkzeugtasche und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Erwin dackelte hinterher. Im Wirtshaus angekommen, setzte er sich an einen Tisch, zog die nächste Zigarette aus der Schachtel und bestellte sein Frühstück: ein Helles, das er auf Ex runter kippte. Mit einer Tasse Kaffee saß Erwin ihm gegenüber und wusste nicht, was er sagen oder fragen sollte. Verlegen nippte er am Kaffee. Der Obermonteur gab kein Wort von sich. Keine Erklärung, keinen Hinweis auf den weiteren Zeitplan, keine sonstigen Informationen. Nichts. Schweigend saß er da, rauchte und ließ sich das Bier schmecken.

Erwins Kaffeetasse war leer, und er wusste immer noch nicht, was er machen sollte. Sein erster Auswärtsjob – bei einer neuen Firma. Aber anstatt in der Bananenreiferei Schaltschränke zusammenzubauen, hockte er im Wirtshaus, und der kettenrauchende Obermonteur, dem er zur Hand gehen sollte, trank sein mittlerweile drittes Bier. Was für eine absurde Situation. Erwin rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Sollte das ein Test sein oder ein schlechter Scherz? Vorsicht Kamera vielleicht? Die Sendung hatte er zweimal gesehen und viel gekichert dabei. Jetzt gab es nichts zu kichern. Verstohlen schaute er sich um, konnte aber weder eine Kamera noch Chris Howland entdecken. In der Wirtschaft saßen ganz normale Menschen, die zu Mittag aßen. In kleinen Gruppen, zu zweit oder allein. Nein, hier wurde keine Fernsehsendung gedreht, hier war alles real. Kurz entschlossen stand er auf und sagte: »Ich dreh mal ’ne Runde um den Block.«

Den Obermonteur nickte lediglich, winkte dem Kellner und deutete auf sein leeres Bierglas.

Erwin machte einen ausgiebigen Spaziergang durchs Bahnhofsviertel. Er schaute Schaufenster an, aß eine Bratwurst, studierte Filmplakate vor einem Kino und Zeitungsschlagzeilen an einem Kiosk und schlenderte schließlich zurück zum Wirtshaus. Lehmann saß noch an Ort und Stelle, qualmende Zigarette zwischen den Fingern, zwei Gläser vor sich: ein leeres Schnapsglas und ein fast leeres Bierglas.

Erwin setzte sich wieder ihm gegenüber und gab sich einen Ruck. »Wie geht’s jetzt weiter?«, fragte er. »Du weißt schon … am nächsten Freitag muss alles fertig sein.«

»Numme nit huddle«, meinte Lehmann, trank sein Bier aus, erhob sich, ging auf wackeligen Beinen zur Tür und verschwand. Erwin brauchte nicht zu grübeln, welches Ziel er anpeilte. In diesem Zustand gab es nur einen Ort, der infrage kam: die Pension.

Dort hin folgte ihm Erwin wenige Minuten später, fragte die Frau an der Rezeption nach Lehmanns Zimmernummer und stieg die Treppe zum ersten Stock hoch. Er klopfte. Keine Antwort. Vorsichtig drückte er die Klinke nach unten, schob die Tür einen Spalt weit auf und linste ins Zimmer. In voller Montur lag Lehmann auf dem Bett – und schnarchte.

Fortsetzung im Buch